One Big Table im Lakehouse: Wann Wide Tables sinnvoll sind
Wann eine breite, denormalisierte Tabelle im Gold-Layer BI und ML gleichzeitig bedienen kann, und wann Star Schema oder Data Vault die risikoärmere Grundlage bleiben.

Die Kernaussagen auf einen Blick.
- Eine One Big Table ist eine breite, denormalisierte Tabelle im Gold-Layer. Sie bündelt Facts und Dimensionsattribute in einer Tabelle und spart dadurch Joins zur Abfragezeit.
- Wide Tables sind sinnvoll, wenn BI und ML denselben Datensatz nutzen, ein Semantik-Layer die Metriken zentral definiert und Column Mapping Schemaänderungen beherrschbar macht.
- Typische Fehler sind doppelte Metrikdefinitionen in BI und ML, Schemaänderungen ohne Column Mapping und zu große Power-BI-Import-Modelle auf breiten Tabellen.
- Mein Vorschlag: Erst prüfen, ob BI und ML wirklich denselben Datensatz brauchen. Danach Semantik-Layer, Column Mapping, Liquid Clustering und den Power-BI-Modus festlegen. Aggregierte Views gehören eher in Import, große Detailtabellen eher in Direct Query.
Inhaltsverzeichnis
Warum One Big Table mit dem Semantik-Layer wieder relevant wird
Die alte OBT-Debatte drehte sich vor allem um eine Frage: Star Schema oder denormalisierte Tabelle? Diese Diskussion kommt jetzt wieder zurück, aber mit einem anderen Schwerpunkt. Die DataForSEO-Trend-Daten zeigen für den Suchbegriff semantic layer ein Plus von 181 Prozent im Jahresvergleich, für dbt semantic layer plus 91 Prozent. Heute geht es weniger um die Tabelle allein und mehr um die Frage, wo Metriken verbindlich definiert werden.
Wenn ein Data Warehouse nur Power-BI-Dashboards versorgt, ist ein Star Schema meist die risikoärmere Wahl. Sobald derselbe Gold-Datensatz aber für BI, ML-Features, Genie-Fragen, dbt-Metriken und Ad-hoc-Analysen genutzt wird, kann eine breite Basistabelle mit Semantik-Layer sinnvoll sein. Der Semantik-Layer definiert die Metriken zentral. Die Wide Table hält den gemeinsamen Datensatz. BI und ML greifen auf dieselbe Grundlage zu.
Wie sich Wide Tables gegen Star Schema und Data Vault positionieren, zeigen wir im Überblick zur Datenmodellierung im Lakehouse. Hier vertiefen wir die Wide-Table-Praxis im Gold-Layer auf Delta.
Vor der Entscheidung sollten fünf Fragen beantwortet werden: Ist eine Tabelle mit 200 Spalten noch handhabbar? Wie sitzt ein Semantik-Layer darauf? Was kostet Denormalisierung auf Delta? Wann wird Power BI Import zu groß? Und wie bleiben Spaltennamen und Attribute über Column Mapping änderbar?
Was ist eine One Big Table?
Eine One Big Table ist eine breite, denormalisierte Tabelle. Sie enthält Kennzahlen und die wichtigsten Dimensionsattribute in einer gemeinsamen Struktur. Statt einer schmalen fact_sales, die auf Kundendimension, Produktdimension und Datumsdimension verweist, enthält eine fact_sales_wide viele dieser Attribute direkt. Die Wide Table kann 80, 150 oder 300 Spalten haben.
Eine fact_sales_wide mit rund 150 Spalten (Grain: eine Zeile pro Position, Liquid Clustering auf kunde_id und datum) enthält dann Kern-Fakten (sale_id, datum, menge, umsatz, rabatt), denormalisierte Kunden-Attribute (kunde_id, kunde_name, kunde_region, kunde_typ, kunde_wert_klasse), denormalisierte Produkt-Attribute (produkt_id, produkt_name, produkt_kategorie, produkt_marke, produkt_ean) und Zeit-Attribute (jahr, quartal, monat) direkt in der Tabelle.
Kern-Fakten
sale_id, datum, menge, umsatz, rabatt: die eigentlichen Kennzahlen der Faktentabelle.
Kunden-Attribute
kunde_id, kunde_name, kunde_region, kunde_typ, kunde_wert_klasse, direkt in der Zeile statt per Join.
Produkt-Attribute
produkt_id, produkt_name, produkt_kategorie, produkt_marke, produkt_ean, ohne separate Produktdimension.
Zeit-Attribute
jahr, quartal, monat, vorabgeleitet statt über eine Datumsdimension.
Der Grundgedanke: alle für die Analyse nötigen Daten in einer breiten, denormalisierten Tabelle zusammenführen. Der klassische Anwendungsfall ist ein Datensatz, den mehrere Gruppen gleichzeitig nutzen: BI für Dashboards, ML für Features und Data Science für Analysen.
Eine spezielle Wide-Table-Variante ist das Activity Schema, geprägt von Ahmed Elsamadisi und der Narrator-Community. Es modelliert alle Business-Ereignisse als eine einzige Aktivitäts-Tabelle mit fester schmaler Grundstruktur: customer, timestamp, activity, feature_json. Der Datensatz wächst stärker über Zeilen als über Spalten. Activity Schema ist eine Sonderform der Wide Table und ersetzt eine klassische OBT nicht.
Auf Delta verändert sich die technische Bewertung von Wide Tables gegenüber älteren columnaren Warehouses. Parquet komprimiert wiederholte Attribut-Werte effizient. Eine customer_region-Spalte mit fünf Ausprägungen und Millionen Zeilen kostet dank Dictionary Encoding wenig Storage. Liquid Clustering ermöglicht bis zu vier Cluster-Keys auf High-Cardinality-Spalten, wie die Databricks-Doku zu Liquid Clustering festhält, und ersetzt Z-Ordering und Partitionierung. Column Mapping macht Rename-Operationen ohne File-Rewrite möglich. Diese drei Bausteine machen Wide Tables auf Delta praktikabler als früher.
Wie sich Wide Tables gegen Nested-Modelle mit STRUCT und ARRAY abgrenzen, zeigen wir im Überblick zu Nested Modeling im Delta.
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Wann ist One Big Table sinnvoll und wann bleibt Star Schema besser?
OBT ist kein Standardmuster für alles. Wide Tables passen in manchen Fällen gut und sind in anderen klar die falsche Wahl. Die folgende Tabelle bündelt die Entscheidungslage.
| Situation | Signal | Entscheidung | Beispiel |
|---|---|---|---|
| BI und ML brauchen dieselbe Datengrundlage | ein Feature-Set muss BI-Dashboards und ML-Modelle gleichzeitig speisen | Wide Table kann sinnvoll sein, wenn der Semantik-Layer die Metriken definiert | Kunden-Aktivitäts-Datensatz für Marketing-Dashboard und Churn-Modell |
| Viele Änderungen an Attributen | tägliche Umbenennung oder Semantik-Verschiebung von 3–5 Attributen | Wide Table nur mit Column Mapping und Alias-Layer | wachsendes Customer-360-Datenprodukt mit vielen Owner |
| Detaillierte Attribut-Historie nötig | jede Attribut-Änderung braucht Datum, Version, Grund | SCD Type 2 auf getrennter Dimension statt OBT | Kunden-Segmentierung mit revisionssicherer Änderungshistorie |
| Klare Audit-Anforderung vorhanden | BaFin, MDR, AI Act mit vollständiger Herkunftsnachweiskette | Data Vault als Raw Vault, OBT höchstens im abgeleiteten Layer | Bank-Kredit-Datenprodukt |
| Klassisches BI-Semantik-Modell | reines Power-BI-Semantik-Modell ohne Genie oder dbt | Star Schema bleibt die risikoärmere Wahl | operatives Reporting ohne KI-Anschluss |
Zwei Bedingungen: der Datensatz wird von mindestens zwei unterschiedlichen Konsumententypen gebraucht (BI und ML, oder BI und Genie), und ein Semantik-Layer wird darüber gebaut. Fehlt eine der beiden, ist ein Star Schema meist die bessere Wahl. Wie sich Star Schema im Delta konkret entwickelt, klären wir im Überblick zum Star-Schema im Delta-Gold-Layer.
Wie sitzt ein Semantik-Layer auf einer Wide Table?
Der Semantik-Layer ist der wichtigste Grund, warum One Big Table heute wieder anders bewertet wird. Drei Ansätze sind hier besonders relevant: Genie Ontology auf Databricks, dbt Semantic Layer und Cube.
Genie Ontology
Databricks-eigene Semantik-Schicht: Datasets im Unity Catalog, Beispiel-SQL-Queries und SQL-Ausdrücke für Business-Metriken.
dbt Semantic Layer
MetricFlow definiert Metriken zentral im dbt-Projekt, ausgeliefert über die Semantic Layer APIs an BI-Tools.
Cube
Open-Source-Semantik-Schicht mit REST-, GraphQL- und SQL-APIs, oft im „Headless BI"-Kontext genannt.
Genie Ontology ist die Databricks-eigene Semantik-Schicht für AI/BI-Genie. Der Konfigurations-Kern besteht aus Datasets im Unity Catalog, Beispiel-SQL-Queries, SQL-Ausdrücken für die Business-Semantik und Textanweisungen zur Terminologie der Organisation. Der Semantik-Layer sitzt oberhalb der Tabellen und nutzt Metadaten, Beispielabfragen und definierte SQL-Ausdrücke. Bei einer Wide Table werden Business-Metriken wie aktive_kunden_l30d oder customer_lifetime_value im Genie Space als SQL-Ausdruck definiert und bleiben aus den Tabellen-Spalten heraus. Die Wide Table liefert die Datenbasis. Der Semantik-Layer definiert, wie daraus Kennzahlen berechnet werden.
Der dbt Semantic Layer folgt derselben Logik mit anderer Technik. Die dbt-Semantic-Layer-Doku bringt den Kern auf den Punkt: doppelte Kodierung entfällt, weil Metriken zentral auf bestehenden Modellen definiert und Joins automatisch aufgelöst werden. MetricFlow ist die Rechen-Engine dahinter, Metriken werden im dbt-Projekt definiert und über die Semantic Layer APIs von BI-Tools, Notebooks und Custom-Anwendungen konsumiert. Die dbt-Doku macht keine Vorgabe zur Modellform darunter: eine Wide Table funktioniert genauso wie ein Star Schema.
Cube ist die Open-Source-Variante mit denselben Prinzipien: eine Semantik-Schicht über der Datenbank, die Metriken zentral definiert und über REST-, GraphQL- und SQL-APIs an BI-Tools und Anwendungen ausliefert. Cube wird oft im „Headless BI“-Kontext genannt und funktioniert auf Delta-Tabellen wie auf klassischen Warehouses.
Alle drei Semantik-Layer können grundsätzlich auf unterschiedlichen Tabellenformen arbeiten. Eine gut modellierte Wide Table macht die Metrikdefinition aber oft einfacher, weil viele Joins bereits materialisiert sind. Bei einem Star Schema mit vielen Joins muss der Semantik-Layer die Joins nachbauen, bei einer OBT sind sie schon materialisiert.
Ein zweiter Effekt kommt durch Natural-Language-Abfragen dazu. LLM-basierte Text-to-SQL-Systeme wie Databricks Genie liefern auf Single-Table-Abfragen deutlich verlässlichere Ergebnisse als auf Multi-Join-Modellen. Eine Wide Table mit Semantik-Layer kann Natural-Language-Abfragen dadurch einfacher machen als ein Modell mit vielen Joins.
Wie bleibt eine breite Tabelle trotz Schema-Änderungen wartbar?
Wide Tables hängen stark davon ab, wie gut Schemaänderungen beherrscht werden. Spalten werden umbenannt, Bedeutungen ändern sich oder Fachbereiche wollen neue Begriffe nutzen. Bei einer schmalen Dimension ist das eine Änderung auf einer Tabelle mit fünf Konsumenten. Bei einer OBT mit 200 Spalten kann dieselbe Änderung zwölf Reports, mehrere Feature-Pipelines und Ad-hoc-Analysen betreffen. Delta Column Mapping hilft, solche Änderungen ohne kompletten Rewrite der Daten umzusetzen.
Die Databricks-Doku zu Column Mapping beschreibt die Mechanik knapp: Rename- und Drop-Operationen auf Spalten laufen als reine Metadaten-Änderung, ohne die Datendateien neu zu schreiben. Ohne Column Mapping schreibt ein ALTER TABLE ... RENAME COLUMN bei einer Milliarde-Zeilen-Tabelle den ganzen Parquet-Bestand neu. Mit aktiviertem Column Mapping ist die Umbenennung ein Metadaten-Update im Delta-Log. Aktivierung für bestehende Tabellen über ALTER TABLE ... SET TBLPROPERTIES ('delta.columnMapping.mode' = 'name'), für neue Tabellen wird stattdessen id empfohlen. Das Reader-Minimum liegt bei Databricks Runtime 10.4 LTS.
Column Mapping hat Nebenwirkungen, die vor dem Rollout zählen. Nachgelagerte Change-Data-Feed- und Streaming-Lesevorgänge können negativ beeinflusst werden. Datenprodukte mit Change-Data-Feed-Konsumenten oder mit der OBT als Streaming-Source müssen vor der Aktivierung prüfen, welche nachgelagerten Prozesse betroffen sind. Für reine Batch-Konsumenten und BI-Direct-Query-Zugriff ist Column Mapping unproblematisch.
Der zweite Baustein ist ein Alias-Layer im Semantik-Layer. Eine umbenannte Spalte in der OBT bleibt im Genie Space oder in dbt für eine Übergangszeit als Alias verfügbar, damit vorhandene Fragen und Dashboards nicht sofort brechen. Diese Kombination aus Rename in Delta und Alias im Semantik-Layer macht eine wachsende Wide Table langfristig deutlich wartbarer.
Was kostet Denormalisierung auf Delta?
Denormalisierung braucht zusätzlichen Speicher. Entscheidend ist aber, wie groß dieser Aufschlag in der Praxis wirklich ist.
In einem Star Schema steht customer_region einmal in der Kundendimension. In einer Wide Table steht dieselbe Information in vielen Millionen Zeilen. Das wirkt zunächst teuer, wird in Parquet aber oft deutlich kompakter gespeichert. Werte mit niedriger Kardinalität, etwa Region, Status oder Kategorie, lassen sich sehr gut komprimieren und werden nicht millionenfach als voller Text abgelegt.
Der Aufschlag kann trotzdem relevant sein. Ein Fivetran-Benchmark auf TPC-DS-Daten zeigt eine denormalisierte Tabelle mit rund 60 GB gegenüber etwa 30 GB im normalisierten Star Schema. Wie groß der Unterschied ausfällt, hängt vor allem davon ab, welche Attribute wiederholt werden. Niedrig-kardinale Werte bleiben meist gut beherrschbar, hoch-kardinale Werte wie IDs, Freitexte, Events oder Sensorwerte treiben den Speicher stärker nach oben.
Deshalb sollte der Speicheraufschlag pro Datenprodukt mit echten Daten geprüft werden. Aus dem Modell allein lässt sich der Effekt nur grob abschätzen.
Delta-Features können den Betrieb breiter Tabellen erleichtern. Liquid Clustering verbessert Pruning entlang wichtiger Filterspalten und kann die Kompression unterstützen. Predictive Optimization kann OPTIMIZE und VACUUM automatisieren und die Tabelle über die Zeit kompakt halten. Wie Liquid Clustering im Detail arbeitet, klären wir im Überblick zu Liquid Clustering.
Zwei Kostenpunkte bleiben wichtig: MERGE-Operationen können teurer werden, wenn Attributänderungen viele Zeilen betreffen. Backfills können aufwendig werden, wenn Spalten umbenannt oder Attribute neu aufgebaut werden müssen. Column Mapping kann solche Änderungen teilweise entschärfen.
Wann bricht Power BI auf einer Wide Table?
Power BI Import ist in vielen Unternehmen der Standard für Reporting-Modelle. Die Daten werden dabei in die VertiPaq-Engine geladen, komprimiert und im Speicher der Power-BI-Kapazität gehalten. Für viele Reporting-Szenarien funktioniert das sehr gut, solange Datenmenge und Kardinalität beherrschbar bleiben.
Für Wide Tables ist vor allem entscheidend, wie viele unterschiedliche Werte die einzelnen Spalten enthalten. Spalten wie Region, Status oder Kategorie lassen sich stark komprimieren. Schwieriger wird es bei User-IDs, freien Texten, genauen Zeitstempeln oder anderen hochkardinalen Feldern. Je mehr eindeutige Werte eine Wide Table enthält, desto schneller wächst das Import-Modell.
Als grobe Orientierung: Bei wenigen Millionen Zeilen und überwiegend niedrig kardinalen Spalten kann Import gut funktionieren. Bei sehr vielen Zeilen, vielen Spalten oder vielen Detailattributen wird Direct Query oft realistischer.
Dafür gibt es zwei typische Wege:
Direct Query greift zur Laufzeit auf Databricks SQL Warehouses zu, ohne die Daten vollständig nach Power BI zu importieren. Das passt für große Wide Tables und tiefe Detailanalysen, verschiebt die Last aber stärker auf Databricks SQL.
Composite Models kombinieren beide Ansätze. Aggregierte Tabellen laufen im Import-Modus, weil sie schnell und kompakt sind. Die große Detail-Wide-Table bleibt in Databricks und wird per Direct Query abgefragt.
| Modus | Wann er passt | Grenze | Kosten-Signal |
|---|---|---|---|
| Import | wenige Millionen Zeilen, niedrige Kardinalität, aggregiertes Reporting | Kapazitätsgrenze und Refresh-Zeit | Power-BI-Kapazität |
| Direct Query | große Wide Tables, viele Detailattribute, hohe Aktualität | Query-Latenz und SQL-Warehouse-Kosten | Databricks SQL Warehouse |
| Composite | aggregierte Sicht plus Detailzugriff in einem Modell | höhere Modellkomplexität | Power BI und Databricks kombiniert |
Für die Praxis heißt das: Eine Wide Table ist nicht automatisch schlecht für Power BI. Entscheidend ist, ob sie für Import noch kompakt genug bleibt oder ob die Detailtiefe besser in Databricks liegt. Wie Power BI konkret an Databricks angebunden wird, klären wir im Überblick zur Power-BI-Integration auf Databricks.
Wie nutzen BI und ML denselben Wide-Table-Datensatz?
Der zweite wichtige Konsument einer Wide Table ist häufig ML. Seit der Unity-Catalog-Integration kann der Databricks Feature Store normale Delta-Tabellen nutzen, sofern sie einen Primary-Key-Constraint haben. Dadurch kann dieselbe Wide Table sowohl BI-Reports als auch Feature Engineering unterstützen.
Eine Tabelle mit customer_id als Primary Key und event_date als Zeitspalte kann zum Beispiel Grundlage für Power BI sein und gleichzeitig Features für Training oder Batch Scoring liefern. BI und ML greifen damit auf dieselbe fachliche Datenbasis zu.
Wichtig ist: Wenn die Tabelle als Feature-Quelle dienen soll, müssen Primary Key und Zeitlogik von Anfang an mitgedacht werden. Für Zeitreihen-Features braucht es eine saubere Zeitspalte, damit Modelle beim Training den Feature-Stand zum damaligen Ereigniszeitpunkt sehen und keine späteren Informationen nutzen.
Zwei Grenzen bleiben: Für Online-Feature-Serving braucht es weiterhin eine Veröffentlichung in einen Online Store. Und sehr breite Feature-Tabellen können bei häufigen MERGE-Operationen teuer werden. Für viele Fälle ist deshalb ein geplanter Batch-Job über Workflows oder Lakeflow sinnvoller als laufende Streaming-Merges.
Change Management auf breiten Tabellen
Change Management ist bei Wide Tables ein zentrales Thema. Eine einzelne Umbenennung kann schnell viele nachgelagerte Artefakte betreffen: Power-BI-Reports, Genie Spaces, dbt-Modelle, Feature-Pipelines oder Notebook-Analysen.
Damit eine Wide Table wartbar bleibt, braucht es drei Dinge:
Column Mapping
Spalten umbenennen, ohne die Tabelle teuer neu zu schreiben.
Alias-Layer
Alte Spaltennamen für eine Übergangszeit weiter unterstützen.
Attribut-Katalog
Pro Spalte Bedeutung, Owner, Status und Ablösungsdatum dokumentieren.
Ein Beispiel: customer_segment soll ab Q4 customer_tier heißen. Die Spalte wird per ALTER TABLE umbenannt, der alte Name bleibt im Semantik-Layer noch 90 Tage als Alias verfügbar, und der Attribut-Katalog dokumentiert die Änderung. So haben Reports, Modelle und Nutzer Zeit für die Umstellung.
Ohne diesen Prozess entsteht das typische Wide-Table-Problem: Eine fachlich richtige Änderung bricht mehrere Reports oder Pipelines. Dann ist nicht zwingend die Wide Table das Problem, sondern der fehlende Änderungsprozess.
Der zweite Governance-Punkt ist Datenschutz. Weil Wide Tables viele Informationen in einer Tabelle bündeln, sollten Row Filters und Column Masks von Anfang an mitgedacht werden. Row Filters begrenzen sichtbare Zeilen nach Nutzergruppe, Column Masks schützen sensible Spalten wie Namen, Beträge oder Identifikatoren.
Eine Grenze bleibt: Wenn einzelne Attribute eine eigene revisionssichere Historie brauchen, ist eine getrennte Dimension mit SCD Type 2 meist die bessere Wahl. Wie das in Delta modelliert wird, zeigen wir im Überblick zu Slowly Changing Dimensions in Delta.
Grenzen von One Big Table im Lakehouse
Wide Tables sind kein Universalmodell. Sie können Konsum vereinfachen, verschieben aber Komplexität in Governance, Semantik und Change Management. Star Schema oder Data Vault bleiben in vielen Fällen die bessere Grundlage.
Star Schema für klassische BI
Power BI mit Import-Modell funktioniert oft besser auf einem Star Schema: VertiPaq komprimiert Fremdschlüssel effizient, Report-Autoren kennen das Modell.
Data Vault bei Audit-Pflicht
Müssen Herkunft und Nachweisketten revisionssicher modelliert werden, ist Data Vault die passendere Basis: die Wide Table entsteht höchstens als Konsumschicht darüber.
Feingranulare Attribut-Historie
Muss jede Attributänderung mit Version und Gültigkeit nachvollziehbar sein, wird eine Wide Table schnell unübersichtlich: SCD Type 2 auf separaten Dimensionen ist sauberer.
Nur als abgeleitete Schicht
Eine Wide Table gehört auf eine saubere Modellbasis aus Star Schema oder Data Vault: direkt aus Rohdaten gebaut, dupliziert sich Business-Logik.
Streaming und Change Data Feed
Dient die Wide Table als Quelle für nachgelagerte Streams, müssen Column Mapping und CDF-Kompatibilität vorher geprüft werden.
Ohne Semantik-Governance ein Risiko
Ein Semantik-Layer hilft nur, wenn Kennzahlen, Begriffe und Owner klar geregelt sind: sonst wird die Wide Table schnell unscharf.
Wie Data Vault auf Delta aussieht, zeigen wir im Überblick zu Data Vault auf Delta.
Fazit
Eine One Big Table lohnt sich nur, wenn BI und ML denselben Datensatz teilen, ein Semantik-Layer die Metriken definiert und Column Mapping die Schema-Evolution beherrschbar hält.
Ohne diese Bedingungen wirkt eine Wide Table zunächst einfach, wird aber schnell schwer wartbar und semantisch unscharf.
Besonders relevant ist das für Datenorganisationen, die einen wachsenden Customer-360- oder Aktivitätsdatensatz gleichzeitig für BI-Dashboards und ML-Features nutzen wollen, und für Plattformen, die neben Power BI einen KI-Anschluss über Databricks AI/BI Genie oder dbt Semantic Layer aufbauen.
Beim Einstieg mit einer Fact Table und wenigen Dashboards braucht es noch keine OBT-Strategie. Dann ist ein sauberes Star Schema mit PK/FK-Constraints meist der bessere nächste Schritt. Optimierung auf Vorrat lohnt sich dort noch nicht.
Mein Vorschlag: erst prüfen, ob BI und ML denselben Datensatz brauchen, dann Semantik-Layer und Metrik-Governance festlegen, Column Mapping aktivieren, Liquid Clustering auf die häufigsten Filter-Keys legen, für Power BI zwischen Import auf aggregierten Views und Direct Query auf der Detail-Wide-Table trennen und die Wide Table mit PK-Constraint für den Feature-Store anmelden. Diese Reihenfolge macht die OBT auf Delta deutlich belastbarer.
Das Ergebnis ist ein Datenprodukt, das BI, Genie und ML aus einer Datenbasis bedient und über den Semantik-Layer kontrolliert weiterentwickelt werden kann.
Prüft zuerst, ob ein bestehender Gold-Layer-Datensatz wirklich von BI und ML gleichzeitig gebraucht wird: das ist die Vorbedingung für jede Wide-Table-Entscheidung.

FAQ
Eine One Big Table ist eine breite, denormalisierte Tabelle im Gold-Layer. Sie enthält Kennzahlen und wichtige Dimensionsattribute gemeinsam in einer Tabelle. Statt einer schmalen Fact mit Fremdschlüsseln auf getrennte Dimensionen enthalten 80 bis 300 Spalten alle relevanten Attribute inline. Der klassische Anwendungsfall ist ein Datensatz, den BI-Analysten, ML-Engineers und Genie-Nutzer gleichzeitig brauchen.


