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Digital Workforce

Digital Workforce bezeichnet das Zusammenspiel aus RPA-Bots, KI-Agenten und Menschen im Prozess. Definition, drei Klassen, Abgrenzung zu RPA und BPA.

Digital Workforce bezeichnet das koordinierte Zusammenspiel aus Software-Robotern (RPA, feste Wenn-dann-Regeln), KI-Agenten (lernende Systeme auf Basis von Sprachmodellen) und menschlichen Mitarbeitenden, die entlang eines Geschäftsprozesses jeweils die Aufgaben übernehmen, für die sie am besten geeignet sind. Der Begriff behandelt Automatisierung wie eine Belegschaft und ordnet die digitalen Einheiten in Rollen, Verantwortungen und ein gemeinsames Steuerungs-Modell ein.

Was ist eine Digital Workforce?

Eine Digital Workforce ist eine gemischte Belegschaft aus digitalen Einheiten und Menschen, die einen Prozess gemeinsam ausführen. Der Begriff verschiebt die Perspektive weg vom einzelnen Automatisierungs-Werkzeug hin zu einem Team, das wie eine Belegschaft organisiert wird: mit Rollen, zugewiesenen Aufgaben, Kapazitäten (wer kann wie viel bearbeiten), Vertretungslogik, Zugriffs-Rechten auf IT-Systeme und Messung der Arbeitsleistung. Charakteristisch ist die Zusammenstellung aus mindestens zwei unterschiedlichen Arten digitaler Einheiten (zum Beispiel Software-Roboter plus KI-Agent) sowie einer menschlichen Instanz für Ausnahmen und Entscheidungen.

Drei Klassen digitaler Einheiten tragen den Begriff. Erstens RPA-Bots, die regelbasiert auf Benutzeroberflächen und APIs interagieren; sie übernehmen strukturierte, wiederholbare Schritte mit klarem Input-Output-Verhältnis. Zweitens KI-Agenten, die auf Basis von Sprachmodellen Aufgaben in Zwischenschritte zerlegen, Werkzeuge aufrufen und aus Ergebnissen den nächsten Schritt ableiten; sie übernehmen unstrukturierte oder variantenreiche Aufgaben. Drittens konversationelle Assistenten in Chat- und Voice-Kanälen, die als First-Line-Schnittstelle zwischen Menschen und Systemen stehen, meist mit einem KI-Agenten oder einem Workflow im Hintergrund. Menschen bilden die vierte Instanz; sie übernehmen Ausnahmen, kritische Entscheidungen und die Steuerung der Belegschaft.

Der Begriff prägt sich ab etwa 2017 im [Forrester](https://www.forrester.com/)-Umfeld rund um die RPA-Skalierung und wird seit 2023/2024 mit dem Aufkommen produktiver KI-Agenten auf „Digital Employees" ausgeweitet. Deloitte und HFS Research verwenden ihn im gleichen Sinn. Der gemeinsame Kern ist das Betriebs-Modell: Automatisierung wird nicht mehr pro Task verwaltet, sondern als Belegschaft mit Onboarding, Rollen, Kapazitätsplanung und Lifecycle. Anthropic beschreibt in [„Building Effective Agents"](https://www.anthropic.com/research/building-effective-agents) (Dezember 2024) die Trennung zwischen fest verdrahteten Workflows und autonomen Agenten; beide sind mögliche Bausteine einer Digital Workforce, sitzen aber auf unterschiedlichen Ebenen des Kontrollfluss-Spektrums.

Warum der Begriff existiert: Er beantwortet eine organisatorische Frage, die die Werkzeug-Sicht offen lässt. Wer plant Kapazität für Automatisierung? Wo ist die Verantwortung für einen digitalen Auftragnehmer, der einen Fehler macht? Wie werden digitale Einheiten im HR-System geführt, wie im IT-System, wie im Kostenrechnungs-System? Die Antwort verlangt ein Belegschafts-Vokabular, kein Werkzeug-Vokabular, und genau das liefert „Digital Workforce".

Abgrenzung zu RPA, AI Agents und Business Process Automation

Der Begriff wird häufig mit angrenzenden Kategorien vermischt. Die relevanten Trennlinien:

BegriffRolleVerhältnis zur Digital Workforce
RPARegelbasierte UI- und API-AutomatisierungEine Klasse digitaler Einheiten in der Belegschaft, nicht die Belegschaft
AI AgentsEinzelne LLM-basierte Handlungs-EinheitenZweite Klasse digitaler Einheiten; ein Baustein der Belegschaft
Business Process AutomationProzess-Choreografie über BPMN und Workflow-EnginesBeschreibt den Prozess-Rahmen; Digital Workforce beschreibt die ausführenden Einheiten
Intelligent AutomationTechnologie-Palette (RPA + KI + Process Mining)Der Werkzeugkasten; Digital Workforce ist das darüber liegende Betriebs-Modell

RPA ist die häufigste Verwechslung, weil der Begriff in den letzten Jahren an denselben Konferenz-Tracks und in denselben Portfolios steht. RPA ist regelbasierte, deterministische Automatisierung eines strukturierten Ablaufs auf einer Oberfläche oder API. Eine Digital Workforce enthält typischerweise RPA-Bots, umfasst aber auch KI-Agenten und Assistenten mit probabilistischem Verhalten sowie eine Rollen- und Verantwortungsschicht darüber. Wer nur RPA-Bots betreibt, hat Prozessautomatisierung; wer diese Bots gemeinsam mit KI-Agenten und Menschen in Rollen orchestriert, betreibt eine Digital Workforce.

AI Agents sind das zweite Missverständnis. Ein AI Agent ist eine einzelne handelnde Einheit mit Sprachmodell-Reasoning, Werkzeugen und Kontrollfluss-Autonomie. Die Digital Workforce ist das Ensemble, in dem mehrere solcher Agenten neben RPA-Bots und Menschen arbeiten. Ein Unternehmen kann einen AI Agent ohne Belegschafts-Rahmen betreiben (Punkt-Lösung für einen Task); es kann eine Digital Workforce ohne echte Agenten haben (klassische RPA plus Menschen); und es kann beide Ebenen zusammenführen, sobald Rollen, Kapazitäten und Governance über die Einheiten hinweg geführt werden.

Business Process Automation und Intelligent Automation sitzen auf einer anderen Achse. BPA beschreibt die Choreografie eines Prozesses in BPMN-Notation oder einer Workflow-Engine (welcher Schritt fällt wann, welche Bedingung führt zu welcher Verzweigung, welche Systeme sind beteiligt). Intelligent Automation bezeichnet den Werkzeugkasten aus RPA, KI, Process Mining und Integrations-Middleware, mit dem sich Prozesse automatisieren lassen. Digital Workforce ist orthogonal zu beiden: BPA definiert den Prozess, Intelligent Automation liefert die Technologie, Digital Workforce organisiert die ausführenden Einheiten in einem Rollen- und Verantwortungs-Modell.

Beispiel: Rechnungseingang im Shared-Service-Center

Ein Rechnungseingangs-Prozess in einem Shared-Service-Center zeigt die vier Instanzen im schmalen Zuschnitt. Aufgabe: Eingehende Rechnungen erfassen, gegen Bestellungen abgleichen, kontieren und zur Zahlung freigeben.

Ablauf der Belegschaft: Ein RPA-Bot zieht neue Rechnungen aus dem zentralen Postfach und der EDI-Schnittstelle, erkennt Standard-Formate über feste Templates und legt Kopfdaten im ERP an. Für nicht-standardisierte Rechnungen (freie PDF-Formate, Fremdsprachen, ungewöhnliche Layouts) übergibt er den Vorgang an einen KI-Agenten. Der Agent extrahiert Positionen mit einem Sprachmodell, gleicht sie über eine Werkzeug-Funktion mit offenen Bestellungen ab und schlägt eine Kontierung vor. Bei eindeutigen Übereinstimmungen und Beträgen unter einem Schwellenwert bucht er direkt; sonst gibt er den Fall an einen Sachbearbeiter zurück. Ein konversationeller Assistent im Buchhaltungs-Tool erklärt dem Sachbearbeiter, warum der Agent unsicher war, und beantwortet Rückfragen zu Lieferanten und Kontenrahmen. Der Sachbearbeiter entscheidet die verbleibenden Fälle.

Die Rollen sind konkret: Der RPA-Bot ist ein „Rechnungs-Erfasser" mit Zugriff auf Postfach und ERP-Buchungsmaske. Der KI-Agent ist ein „Rechnungs-Prüfer" mit Zugriff auf ERP-Bestellungen, Stammdaten und Kontenrahmen. Der Assistent ist eine „Auskunfts-Rolle" ohne Buchungs-Rechte. Beide digitalen Einheiten sind im Identitäts-Management als eigene Konten geführt, im HCM als „Digital Employees" mit Vorgesetzten-Zuordnung und im Kostenrechnungs-System als eigene Ressourcen mit Verrechnung. Kapazität, Durchsatz, Fehlerquote und Kosten pro Vorgang sind messbar wie bei einer menschlichen Belegschaft.

Typische Erweiterungen zeigen die Skalierungs-Achse: eine zweite digitale Einheit für Zahlläufe, ein Evaluator-Agent, der Buchungen stichprobenartig gegen die Steuer-Regeln prüft, ein Human-Reviewer-Prozess für Rechnungen über einer Freigabegrenze. Der Kern der Definition bleibt gleich, weil die Belegschaft weiterhin aus mehreren Klassen digitaler Einheiten und Menschen besteht, die einen Prozess gemeinsam ausführen.

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